Schweinfurt und das Deutsche Reich nach der französischen Revolution

Freitag, der 29. August, war einer der wenigen sonnigen Tage im Jahr 1800.

Der Syndikus der freien Reichsstadt Schweinfurt Heinrich Stepf nahm nachmittags drei Uhr mit seiner Frau einen kleinen Imbiß ein: selbstgebackenes Brot, hausmachene Wurst und einen guten Trunk reinen, unverfälschten Weines, der im eigenen Weinberg gezogen war. Pünktlich um elf Uhr wurde damals in Schweinfurt zu Mittag gegessen; da konnte man vier Stunden später wieder etwas genießen.

"Gebe Gott, daß wir bald in Frieden leben können!" begann Frau Stepf das Tischgespräch. "Wie ist zur Zeit die Lage? Neun Jahre dauert nun schon das Unglück in Schweinfurt: Durchmärsche, Einquartierungen, Brandschatzung und Plünderungen nehmen kein Ende; und bei alledem frage ich mich: warum und wozu?"

"Es ist verständlich, daß ihr Frauen in diesem weltweiten Krieg keinen Durchblick habt; geht es doch den meisten Männern ebenso. Nur wer Tag für Tag mit der Politik zu tun und Einblick in alle Entscheidungen hat, findet sich noch zurecht. - Die niederländischen Provinzen, welche unter österreichischer Oberherrschaft standen, wie Flandern und Brabant empörten sich gegen die Regierung in Wien, und Kaiser Leopold sandte im Jahr 1791 seine Regimenter in die Niederlande, um die Widerspenstigen zum Gehorsam zu zwingen. Das waren die ersten Truppendurchmärsche, welche wir in Schweinfurt zu sehen bekamen.

Am 20. April 1792 wurde von Frankreich dem deutschen Kaiser der Krieg erklärt. Die Preußen kämpften an der Seite Österreichs. Die Deutschen waren erst siegreich, mußten aber im September den Rückzug antreten. Die Franzosen folgten ihnen auf den Fersen und nahmen Speyer, Worms, Mainz und Frankfurt im Handumdrehen weg.

Wir trafen hier schon unsere Vorbereitungen für den Fall, daß die Feinde vor Schweinfurts Toren erschienen. Das geschah nun nicht. Zum Marsch hierher war die französische Armee noch zu schwach. Im Februar 93 kamen aus den Niederlanden 400 Österreicher in Schweinfurt an und unter ihnen 18 Typhuskranke. Wir wehrten uns nach besten Kräften und wollten sie nicht in unserer Stadt behalten. Aber da hieß es: "Gewalt geht vor Recht". Die 400 Österreicher blieben hier. In wenigen Tagen starben alle achtzehn Typhuskranke. Wir mußten Gott danken, daß die Bürgerschaft nicht angesteckt wurde. Seit jener Zeit haben wir in Schweinfurt ein ständiges Militärlazaret. Am 22. März 1793 erklärte das deutsche Reich der französischen Republik den Krieg, und am 30. April marschierte unsere Schweinfurter Kompanie ab, zunächst nach Fürth.

Vom Jahre 94 an hörten in Schweinfurt die Durchmärsche und die Transporte von Verwundeten nicht mehr auf. Infolge des Aufkaufes für die Armeebedürfnisse stiegen die Preise. Wir hatten die Truppen oft tagelang zu beherbergen und zu verköstigen. Die Stadt Schweinfurt mußte zur Vermeidung aller irgend unnötigen Ausgaben mit dem Pflastern der Straßen aufhören. Zum Überfluß gab es auch noch einen so strengen Winter, daß die Fröste bis in den Mai 95 andauerten und der Eisgang starke Verwüstungen anrichtete. Dazu kam noch eine Schmach, die niemand für möglich gehalten hätte: Weil die deutschen Armeen in den meisten Schlachten besiegt wurden, verständigte sich Preußen mit Frankreich. Es schloß am 5. April 95 in Basel einen S e p a r a t f r i e d e n und ließ den deutschen Kaiser im Stich. Preußen verabredete mit Frankreich eine quer durch das Reich gehende Grenzlinie, welche von den Feinden nicht überschritten werden durfte. Das ganze Kriegselend ergoß sich nun über Süddeutschland allein."

"Horch!" unterbrach Frau Stepf ihren Mann. "Hat es nicht geklopft?" Auf das "Herein" trat ein freundlicher Mann mit den Worten in das Zimmer: "Grüß´ dich Gott, Heinrich"

Erstaunt blickten die beiden auf. "Ach, unser Herr Hahn aus Nürnberg!" rief Frau Stepf. Ihr Mann reichte dem Eintretenden die Hand und fragte überrascht: "Ja, bist du es denn wirklich, Martin?"

"Ganz wirklich, von Kopf bis zu Fuß", antwortete der Angeredete in herzlichem Ton. "Nun lasse mich aber zuerst die Frau Syndikus begrüßen. - Und da Sie nun gerade beim Imbiß sind, will ich mich sogleich dazu setzen, und tun, als sei ich zu Hause."

Es ging aber doch nicht, wie der Nürnberger gedacht hatte. Dem Gast zu Ehren wurde vor allem ein weißes Tuch über den Tisch gedeckt. Dann wurde ein besserer Wein aufgetragen, auch Schinken und Senf; und erst als der Gast sich nicht nötigen ließ, sondern wacker zulangte, war die rechte Gemütlichkeit hergestellt. "Übrigens", meinte Frau Stepf, "als Sie damals die paar Tage bei uns wohnten, war die Kriegsfurie bereits losgelassen. Ich erinnere mich genau, Sie waren bei uns kurz vorher, ehe die Nachricht vom Handstreich unseres Truppenkontingents aus Kreuznach eintraf. Du, Heinrich, wann war das?"

Stepf war Mitglied des Rates. Er besorgte, da er die Rechtswissenschaft studiert hatte, die laufenden Amtsgeschäfte, führte den Titel Syndikus und war in den Angelegenheiten der Stadt so bewandert wie kein anderer. Schweinfurt hatte vier Bürgermeister, die von Vierteljahr zu Vierteljahr mit dem Vorsitz im Stadtrat abwechselten. Der gerade dirigierende hieß Oberbürgermeister und wurde E x z e l l e n z oder auch M a g n i f i z e n z angeredet. Wer aber dem Stadtrat jede Sache erst klar legen mußte, das war der Syndikus. E r suchte nach den Zusammenhängen und wußte, was die freie Reichsstadt Schweinfurt in ähnlichen Fällen früher getan hatte, und er war der einzige, dem die verwickelten politischen Zustände klar und geläufig waren.

So antwortete der Syndikus auch jetzt, ohne sich zu besinnen: "Die Nachricht von der Eroberung von Kreuznach durch unser Truppenkontingent traf hier Anno 95 am 23. November ein."